Donnerstag, 7. März 2013

Kinder und Sprache

Was klingt, wie ein neues Motto der Eltern-Kind-Blogparade, ist in Wahrheit keins, da geht es nämlich im März um das Thema "Namen", doch dazu in der nächsten Woche mehr.
Nicht nur, weil ich schon zu Schulzeiten ein Sprachfreak war, liegt mir dieses Thema ganz besonders am Herzen. Ich finde es einfach unglaublich wichtig, dass mit Kindern viel und vor allem richtig gesprochen wird. Natürlich verschlägt es Eltern erfahrungsgemäß kurz nach der Geburt das gängige Vokabular und aus "Hallo Baby, hast du gut geschlafen? Möchtest du etwas essen?" wird kurzerhand "HeieieimeinSchnuckiputzimutzihaddufeinHeiagemacht? Lecker Happahappa?", aber irgendwann legt sich das auch wieder, spätestens, wenn der neugierige Toddler anfängt, Steckdosen, Besteck und Stereoanlagen auf eigene Faust zu erkunden ("NEIN!").

Als ich noch als Musiklehrerin im Kindergarten gearbeitet habe, habe ich wirklich krasse Situationen erlebt. Nicht nur, dass ein 5-Jähriger absolut akkurat und ausdauernd ausmalt und ein anderer in der gleichen Gruppe völlig wahllos mit Schwarz von links oben nach rechts unten kritzelt, sondern auch, dass ich trotz geschulter (und kleinkindgeübter) Pädagogenohren nicht verstehen konnte, was ein 4-jähriges Kind mir sagen möchte. Migrationshintergrund gab es in diesem speziellen Fall übrigens keinen. Als ich die Erzieher darauf angesprochen habe, meinten die nur, das Kind käme aus einem sog. "bildungsfernen" Haushalt, bei dem die Eltern den Kitaplatz nur bekommen hätten, weil das Kind im Kindergarten besser aufgehoben sei als zu Hause. Traurig! Was elterliches Desinteresse in Verbindung mit dem Parken vor dem Fernseher aus der Sprachentwicklung macht, hatte ich dort direkt vor Augen.
Für mich war es selbstverständlich, dass ich mit Fiona von Anfang an viel gesprochen habe. Auch heute noch frage ich sie beim Abholen aus dem Kindergarten nicht nur allgemein, wie ihr Tag war, sondern ich frage nach konkreten Dingen oder Situationen, wie "Was gab es denn zum Mittag?", "Was habt ihr heute alles gemacht?", "Wer hatte heute Tischdienst?" oder "Mit wem hast du heute gespielt?". Manchmal ist sie nicht in der Stimmung und sagt: "Das möchte ich nicht sagen." Das ist auch völlig okay, aber ich gebe ihr immer die Gelegenheit, mir von ihrem Tag zu erzählen und berichte ihr dann wiederum auch von meinem. Denn die Sorgen, Probleme und Gedanken der Kinder sind für sie in dem Moment genauso groß wie für uns Erwachsene unsere! Da ist es nicht der Steuerbescheid oder die Mahnung im Briefkasten, sondern der grüne Stift mit der Kappe vom gelben, weswegen die Welt untergeht... Ernst nehmen ist also auch ein großes Stichwort.

Neben dem Sprechen ist auch das Vorlesen ein ganz wichtiges Ritual, das in keiner Familie fehlen sollte! Auch wenn die Kinder irgendwann den kompletten Text vom König-der-Löwen-Buch mitsprechen können und sogar schwere Wörter wie "Scars Schreckensherrschaft" problemlos über die Lippen kriegen, hat das Vorlesen seinen Zauber nicht verloren!
Unsere Buchbibliothek hat vielleicht etwas den Rahmen gesprengt, denn Nono hatte schon mit knapp einem Jahr eine beachtliche Sammlung im Regal, aber sie ist irgendwann von sich aus zum Schrank gegangen, hat sich Bücher rausgenommen und sie mit mir gemeinsam "gelesen". Schöne Momente! Ein Highlight, was ich übrigens bis heute (!) nicht aussortieren durfte, war "Das kenn ich schon", ein großformatiges, farbenfrohes Bilderbuch von Moni Port. Auf jeder Doppelseite sind Dinge des täglichen Lebens abgebildet, z.B. Lebensmittel, Kleidungsstücke, Fahrzeuge, Spielzeuge, Musikinstrumente, etc. Besonders große Freude hatte Fiona an dem umgekippten Glas Milch mit der Bildunterschrift: "Milch umgefallen (nicht so schlimm)", dem kaputten Ei und der Barbie mit abgebrochenem Bein. Auf der NEIN-Seite sind Messer, Wein, Hundekacke, Steckdose, Nähnadeln, Glasscherben, Fliegenpilze und anderes nicht Empfehlenswertes abgebildet. Sie hat es geliebt und täglich "gelesen". An "Papas Karre" auf der Musikinstrumentenseite erinnere ich mich noch gut!

Von Experten wird geraten, die süßen Zwei-Wort-Sätze wie eben "Papas Karre" im ganzen Satz zu wiederholen, in dem Fall also: "Richtig, das ist Papas Gitarre!". Das macht man in der Regel automatisch so. Kinder lernen eine Sprache natürlich nicht durch das Pauken grammatikalischer Regeln, sondern allein durch Imitation, sie hören sich also den korrekten Satzbau und die richtige Reihenfolge der Wörter ab und machen es nach. Ganz besonders effektiv ist Sprache in Verbindung mit Musik. Wer sich schon ein Mal in seinem Leben darüber gewundert hat, dass lästige Definitionen einfach nicht hängen bleiben wollen, wohl aber der Songtext des neusten Hits von Katy Perry, wird das bestätigen können. Bei den Allerkleinsten ist das genau das Gleiche. Wenn Eltern anfangs für und später mit ihren Kindern singen, ist das erstens eine ganz besondere, emotionale Zuwendung und zweitens verankert sich die Sprache durch Melodie und Rhythmus wie von selbst und muss später nur noch abgerufen werden. Wenn ich belächelt wurde angesichts der Tatsache, dass ich Musikkurse für Babys ab 6 Monaten angeboten habe, musste ich immer wieder betonen, dass das nicht in erster Linie Kurse für die Kinder, sondern Kurse für ihre Eltern sind! Denn genau die sollen dort lernen, wie sie ihr Kind zu Hause gezielt fördern können und mit Frühförderung meine ich nicht "Chinesisch für Krabbelkinder" für alle, die überzeugt sind, kleine Einsteins ausgebrütet zu haben, sondern die Entwicklung und den richtigen Gebrauch der Muttersprache.
Ich höre oft Sätze wie: "Früher gab es diesen ganzen Kurswahnsinn noch nicht und wir sind trotzdem groß geworden." Ich lehne mich so weit aus dem Fenster und behaupte, dass Eltern und speziell die Großeltern diesen "Kurswahnsinn" schlicht und ergreifend nicht gebraucht haben, weil es selbstverständlich gewesen ist, dass dem Nachwuchs einfache Kinderlieder vorgesungen wurden und er zu "Hoppe Hoppe Reiter" im Silbenrhythmus auf den Knien geritten und in den Sumpf geplumpst ist. Alle Kinder lieben Kniereiter und können gar nicht genug davon bekommen. Aber wer kennt denn heutzutage noch welche davon außer vielleicht den oben genannten? Wer weiß denn noch, was die fleißigen Handwerker im gleichnamigen Lied für Berufe hatten? Es geht soweit, dass ich beim Instrumentalunterricht mit meinen Erstklässlern in fragende Gesichter gucke, wenn ich mit ihnen "Der Kuckuck und der Esel" oder "Old McDonald hat 'ne Farm" singen und spielen möchte...


Nicht zwingend notwendig (ja, ja, ich weiß, wir sind auch ohne groß geworden... ;) aber hoch interessant zum Thema Sprachentwicklung ist auch die Babygebärdensprache. Schon mal gehört? Die Gebärden haben in dem Fall nichts mit Taubheit zu tun, sind sie doch für hörende Kinder von hörenden Eltern gedacht, denen die Zeichen eine Möglichkeit der Kommunikation bieten, bevor das Kind sprechen kann. Da die motorische und geistige Entwicklung schneller verläuft als die der Sprache, kann sich ein Kind schon früh (mit ca. 7-9 Monaten) verständigen und über die Zeichen Wünsche und Bedürfnisse ausdrücken. Das Geheimnis dieser besonderen Kommunikation liegt - wie bei so vielem - in der Wiederholung. "Winke-Winke" dürfte den meisten als gängiges Zeichen zur Begrüßung und Verabschiedung bekannt sein. Darüber hinaus gibt es Gebärden für "Trinken", "Essen", "Schlafen", "Windel", "Noch mehr", "Aua", etc., was so ein kleiner Mensch eben benötigt, um sich auszudrücken. Die meisten Zeichen sind absolut logisch und liegen wortwörtlich auf der Hand (Trinken = wie Becher zum Mund führen, Schlafen = Handflächen aneinander und an die Wange legen). Die Befürchtung, dass das eigentliche Sprechenlernen durch die Benutzung der Zeichen verzögert oder gar gehemmt wird, ist völlig unbegründet. Da die Gebärden immer in Verbindung mit dem jeweiligen Wort/Satz verwendet werden, wird die Sprachentwicklung enorm unterstützt und gefördert.
Warum ich das schreibe, obwohl mein Kind schon lange über das Zeichenalter hinaus ist? Weil ich gerade vor ein paar Tagen bei Sabrina vom Babykeks-Blog ihre positiven Erfahrungen mit der Babygebärdensprache gelesen habe und sie dabei unterstützen möchte, diese tolle Form der Kommunikation mit dem Baby noch populärer zu machen.

Dennoch: auch wenn man sein Kind schon im Babyalter gezielt fördert, gibt es natürlich keine Garantie für frühe Erfolge. Kinder sind kleine Individuen und keine Maschinen. Man kann ihnen das Beste mit auf den Weg geben, aber in welchem Tempo sie sich letztendlich entwickeln, entscheiden sie ganz allein. Fiona konnte zwar sehr früh sprechen und benutzte korrekte Imperative ("Iss", "Nimm", etc.), dafür trug sie Windeln, bis sie fast 3 Jahre alt war. Das traf meine Oma auf den Punkt: "Redet wie ein Advokat aber sch**** in die Hose..." ^^

Ich kann - auch zukunftsorientiert für meine Arbeit als Pädagogin - nur hoffen, dass wieder mehr Eltern mit ihren Kindern singen und vor allem viel, viel mit ihnen sprechen und regelmäßig vorlesen. Noch ein schönes und wahres Zitat von der Ideenquelle Pinterest als Schlusswort:

"The way we talk to our children becomes their inner voice."

Kommentare:

  1. Oh ja, wie Recht du (mal wieder) hast. Meine Nackenhaare stellen sich auf, wenn ich manche Vorschüler sprechen höre. Da spricht Lena um Längen besser. Mir tut es einfach nur leid, weil diese Kinder ja nichts dafür können, in welche Familien sie geboren werden.

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    1. Das stimmt, die können nichts dafür. Mich macht es einfach sehr, sehr traurig. Um eine Scheibe Wurst verkaufen zu dürfen, muss man 3 Jahre ausgebildet werden und Kinder bekommen die Leute einfach so ohne sich der Tragweite so einer Entscheidung bewusst zu sein, nur weil sie die Kasse klingeln hören.

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  2. Huhu, ja ich rede auch so viel mit den beiden. Mit Lotte etwas weniger als mit Lilli. Das fällt mir oft auf und dann gebe ich mir einen inneren Ruck. Lilli habe ich immer was vom Pferd erzählt. Bei Lotte träume ich so vor mich hin, bin geschafft, bin müde. Das tut mir manchmal leid. Dann singe ich ihr einfach was vor. Das geht immer irgendwie. Und ich frage nachm Kiga auch nach konkreten Dingen - genau wie du. Und wenn Lilli nix sagen will, sagt sie pauschal: "Weiß ich nicht." :)
    Liebste Grüße, Mari

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    1. Haha, ja, "weiß ich nicht" sagt sie auch oft ^^

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  3. Danke für diesen Beitrag! Vorlesen und singen ist so wichtig für die Sprachentwicklung und schafft do viel Nähe.
    Und Babygebärden kann man bei beidem toll einbinden.Ich habe es in unserer Babygebärdenzeit als Bereicherung empfunden.
    Viele Ideen rund um Babygebärden gebe ich auf meiner Webseite www.sprechende-haende.de weiter.
    Schaut doch mal vorbei.
    Liebe Grüsse
    Birgit

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    1. Vielen Dank, liebe Birgit! Ich lese regelmäßig auf deiner Seite und habe dort erste Bestätigung gefunden, als ich die Babygebärden Anfang 2010 in meinen Unterrcht eingebunden habe!

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  4. Hallo noch einmal,
    heute sitze ich am PC und kann mir die Bilder, die du eingestellt hast viel besser ansehen.... Was ist das für ein Buch, in dem Gebärden erklärt werden? Das kenne ich nicht und würde gerne mehr darüber erfahren.
    Liebe Grüße
    Birgit

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    1. Das ist nicht direkt ein Buch, sondern ein Heft mit Unterrichtsmaterial von mir, wo ich neben Liedern, Kniereitern und Fingerspielen eben ein paar der wichtigsten Gebärden erklärt habe.

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  5. Ach Vivi, ein Thema, das inzwischen bei uns "brennt". Wir haben mit Leily schon wahnsinnig früh Bücher angeschaut, du weißt, wie sehr ich die liebe, allein schon deshalb wollte ich meinem Mädchen die Begeisterung fürs Lesen ganz früh nahe bringen. Wir singen auch viel (wenngleich ich das überhaupt nicht kann und du weglaufen würdest), sie besucht, seit sie ein Baby war, Babykurse und Krabbelgruppen, geht ins Kinderturnen, überall dort findet viel Kommunikation statt. Allerdings hält sie auch mit zwei Jahren vom Reden nicht viel (was sicher auch daran liegen mag, dass sie allein mit ihrer Gesichtsmimik wahnsinnig viel ausdrücken kann, darauf werde ich immer wieder von anderen Mamas angesprochen), sie spricht inzwischen vielleicht 10 Worte, nicht besonders deutlich. Der KiA sagt, jedes Kind sei verschieden, aber inzwischen mache ich mir - muss ich gestehen - doch meine Gedanken und würde auch gern so früh wie möglich handeln. Meine Angst ist nicht, dass sie ein Sprachproblem hat, sondern die, nicht früh genug mit ihr daran gearbeitet zu haben, denn Probleme sind zum Lösen da. Tolles Thema. Danke.

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    1. Liebste Sina, ich glaube, die spezielle Angst, die du beschreibst, ist völlig unbegründet! Denn ich bin mir sicher, sollte eine ärztlich diagnostizierbare, langsame Sprachentwicklung wirklich bei Leily vorliegen, trifft euch mit Sicherheit keine Schuld! So wie ich euch kennengelernt habe, sprecht ihr deutlich und auch viel mit eurem Kind. Besser kann man es nicht machen! Ich Drücke natürlich alle Daumen, dass euer Töchterlein sich einfach ein bisschen auf seiner ausdrucksstarken Mimik ausruht und deswegen noch nicht viele Worte benötigt ;)

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  6. Liebe Vivi,
    was für ein lesenswerter Beitrag!
    Hier wird schon immer viel vorgelesen und die Kinder haben in der Schule unglaublich davon profitiert (Aufmerksamkeitsspanne, Vokabular etc.), ohne dass das das erklärte Ziel gewesen wäre, ich lese halt gern vor. Ganz banal.
    Zugelabert wurdewird der Nachwuchs auch stets und ständig, an der Gemüsetheke erntet man bisweilen prüfende Blicke von Senioren, die nicht verstehen, warum man seinem Säugling erzählt, was die Ware wiegt. Nun denn ...
    Übrigens, einen Advokaten haben wir auch.
    Beste Grüße von Nina

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    1. Ach, wie schön, liebe Nina, noch ein Vorlesefreak wie ich :) Dass die Kinder davon profitieren, glaube ich ungesehen! Das kann ja nur Vorteile haben! Ich habe übrigens sehr gelacht und mich wiedererkannt, denn Fiona durfte sich auch schon als Baby den Einkaufszettel anhören ^^

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  7. Ich finde dich immer wieder und jedes Mal aufs Neue erstaunlich! Äußerst vielschichtig, du coole Socke du! Gefällt mir *drück* Und danke für deine lieben Worte! Hat sich echt gelohnt. Gott sei Dank^^ Herz dich!

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    1. Danke, du Liebe <3 Das Kompliment gebe ich dir gerne zurück! Denn deine Faltaktion hat mir auch wieder eine neue Seite "Jen" gezeigt :) Bienchen!

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  8. Ich finde, das ist wirklich ein sehr wichtiges Thema. Ich finde nur, dass man auch als Pädagoge mit voreiligen Schlüssen vorsichtig sein sollte und nicht sofort an der Meinung (Eltern fördern das Kind nicht genug) festhalten sollte.

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    1. Natürlich sollte man das in jedem Fall sein und Ursachen für Sprachprobleme können durchaus vielseitig sein und müssen nichts mit fehlender Förderung zu tun haben. Aber in den konkreten Fällen, die ich hier beschrieben habe, war es leider tatsächlich so. Vielen Dank für deinen Kommentar!

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